Die Überfahrt von Fuerteventura nach Mindelo.

 

Welle & Humor.

 

Naja…und dann segle ich über den Atlantik. Als Martin das, dass erste Mal erzählte und sich schon hineinträumte in die Situation hatte ich noch keine Ahnung davon das ich knapp 2 Jahre später mit von der Partie bin. Jetzt sitze ich hier Mitten im Nirgendwo und schreibe mein erstes Logbuch. Für meine Liebste & meinen Sohn, als Erinnerung für mich selbst und alle die Lust haben von einem Azubi beim Segeln über ein Segelabenteuer zu lesen.

 

Welle und Humor heißt der Leitspruch, dass Mantra von Martin…meinem Freund und Skipper der SAMCAT. Eigentlich ist es Wahrheit & Humor, aber ich finde durch die vielen Wellen auf diesem Abenteuer kommt man auch zur Wahrheit. Meditativ das Geschaukel und stundenlange aufs Wasser gucken. Ich habe auf alle Fälle mehr über mich und meine eigene Wahrheit durch die Billionen von Wellen erfahren. Offenheit, Klarheit und damit auch Wahrheit zu sich selbst und natürlich anderen Gegenüber sind essenziell für Martin. Genau diese Wahrheiten lebt er auf und mit der SAMCAT aus. Man könnte sogar sagen das ist die Aura des Schiffes. Irgendwie ist es auch nicht nur ein Stück teures und hoffentlich immer schwimmendes Stück GFK mit ein bisschen Teakholz, Motoren und Chrome…(ach ja Chrom, auch so eine Geschichte) es ist mehr eine Vision, eine Idee von einem Lebensmodell.

 

Jetzt bin ich mittendrin statt nur dabei. Werde versuchen die Tage und Wochen hier auf dem Wahrheiten-Catamaran zu dokumentieren. Mit Humor werde ich das machen, kein trockener Lagebericht…nur die spannendsten und verbunden mit der Idee hinter der SAMCAT inspirierenden Ereignisse. Humor ist in der Kombination mit der Welle (Wahrheit) das was Martin sein Mantra weniger belehrend macht. Allemit einem Augenzwinkern, einem Lächeln betrachten. Insbesondere wenn man durch die Wahrheiten an sich selbst erkennt, puh da kann ich an meiner Persönlichkeit aber noch etwas rumtrainieren. Über sich selbst lachen soll ja eh gesund und glücklich machen. Also los, starten wir mit der SAMCAT und Martin der Personaltrainer für das Mindset über 2.800 Seemeilen über den Atlantik.

 

5 Strümpfe und der Carlos.

 

Vor zwei Jahren habe ich die Idee zum ersten Mal gehört und vor einem Jahr wurde ich von Martin gefragt „Sven, hast du Lust dabei zu sein?“

Ich hatte „ja klar“ gesagt und zack stehe ich am 02.November 2018 am Flughafen Düsseldorf Destination Fuerteventura. Da liegt die SAMCAT nach einem spannenden Jahr und vielen Abenteuern im Mittelmeer. Gelegenheit das Schiff etwas besser kennenzulernen hatte ich schon bei einer Woche Kreta vor knapp 4 Wochen. Tolle Zeit mit Fischern, viel Raki und Abende die in den Morgen übergingen.

 

Mit 47 Jahren komme ich mir vor wie die „jungen Leute“ die als Backpacker durch die Welt reisen. Die nehmen auch alle ganz wenig mit auf ihre Reisen. Ich als Neu-Minimalist versuche die 6 kommenden Wochen auch mal nur mit Handgebäck. Sich reduzieren und weniger Balast im Kopf und im Rucksack zu haben ist ja die Grundidee hinter Martins SAMCAT. Kleidung habe ich also wenig dabei…aber wir gehen dann mal shoppen.

 

Die ersten 2 Tage sind wir nur mit einkaufen, verstauen und vorkochen beschäftigt. Meine Fresse braucht man(n) für eine Überfahrt viel Zeug. Inka & Martin 2 (nein nicht DER Martin)

sind das Landteam und stürmen den Supermartkt. Als Lebensmitteltransporter dient ein Fiat 500, da passt ja soooo viel rein. Martin (ja DER Martin) und ich sind das Seeteam. Wir

fahren alles mit dem Dinki vom Steg zur SAMCAT und verstauen den Proviant in jeder Ritze des

33 Tonnen Catamarans. Wir liegen vor Anker und nicht direkt im Hafen…so macht das alles einfach mehr Spaß. An der Aida Cara an der wir die ganze Zeit vorbei fahren, stehen die Lemminge…Ähm die Passagiere und staunen was wir mit dem kleinen Schlauchboot alles so transportieren.

 

Sonntag später Nachmittag kommt noch Mark dazu, der beruflich noch in Deutschland eingebunden war und damit ist die Truppe komplett. Martins Crew auf der Reise sind Ladys First, Inka…Mama von drei Söhnen & Unternehmerin mit Ex-Autohaus und jetzt frei für die schönen Dinge im Leben – coole Socke. Martin 2, E-Commerce Unternehmer mit einem der größten Onlineshops für Bootsbedarf – coole Socke. Mark, Familienvater, Binnenschiffer und unterwegs im Bereich der Pflegeimmobilien – coole Socke. Ich, Sven…Papa und Unternehmer

der in der digitalen Welt zu Hause ist – manche sagen coole Socke. Da sind wir nun, 5 Strümpfe und unser Skipper. Wir ROCKEN dann mal eben den Atlantik. Martin 2 hat heute Geburtstag und so geht es an Land zum Essen. Als wir wieder auf der SAMCAT sind, holen wir den leckeren Brandy raus der eingekauft wurde. Carlos sein Name, passend zu Spanien. Mark hatte aus Deutschland noch einen Bekannten von Carlos mitgebracht, Captain Morgen der ist auch lecker.

 

Ich gehe jetzt mal nicht in die Details, aber es war ein langer erster gemeinsamer Abend mit angeschwibsten coolen Socken und dem leckeren Spanier.

 

Rock‘n Roll.

 

Wir liechten gegen 14 Uhr den Anker im Hafen von Porto de Rosario (Fuerteventura) und stechen in See zu unserem ersten Ziel Mindelo auf den Kapverdischen Inseln. Knapp 900

Seemeilen liegen vor uns und wir alle sind etwas positiv nervös. Motoren, erstes Segelsetzten…hey wir stellen uns mit Martins Anleitung an wie die Vollprofis. Klappt alles reibungslos und so spulen wir die ersten Meilen runter.

 

Wache, also Dienst hatten wir bereits bei Tappas und Wein am Vorabend eingeteilt. Ich darf die SAMCAT von 19-22 Uhr in die Nacht führen und 06-08 Uhr dann wieder in den Tag. So starte ich pünktlich meinen Dienst oben auf der Flybridge. Martin erklärt mir was ich im Falle eines Falls (komme später mal ausführlich dazu) zu tun habe. Im Grunde genommen geht es um ein sehr schwieriges Manöver, sehr schwierig. Wenn irgendwas ungewöhnliches passiert – Martin wecken. Ja genau, dass ist die Botschaft und ich könnte ihn dafür küssen. Hatte mir schon ein bisschen ins Badehöschen gemacht, bei der Vorstellung während der ersten Wache irgendetwas von diesen schwimmendem Einfamilienhaus verstehen zu müssen.

Unterbrochen wird meine Wache (keine Bange, es gibt einen Autopilot) von dem ersten Dinner auf hoher See. Dann wieder ran ans Steuer und Augen auf. Gefährlich sind Schiffe die kein AIS-System haben und so über Radar und mit dem Fernglas in der Dunkelheit erkannt werden müssen.

 

Wir haben durch die Nähe zu den Kanaren noch einigermaßen Netzverbindung und so gibt es mit meiner Liebsten die letzten WhatsApp Bilder auf Vorrat für die nächsten Tage. Schön zu wissen das einem auch zu Hause dieses Abenteuer gegönnt wird. Inka gesellt sich mit einer Tasse Tee zu mir und übernimmt dann die Wache. Sie ist schon viel sicherer da sie mit der SAMCAT seit Mallorca schon ein paar aufregende Seemeilen hinter sich hat. Gute erste & sichere Nacht SAMCAT.

 

Wir lassen den Drachen steigen.

 

Da das SAMCAT Projekt ganz spannend auch für die Industrie ist, hat Martin einige Sponsoren gewinnen können. So auch ISTEC einem Hersteller für Parasegel. Das schwarz gelbe Monster mit 280qm Segelfläche holen wir heute raus. Es ist ein Test denn genau das Ding soll uns schön im Passatwind über den Atlantik ziehen. Sieht ein bisschen aus wie ein riesen Drachen

und ist durch seine feine Art des Materials sehr empfindlich was Risse angeht. Echte Teamarbeit es aufzubauen und zum Segeln zu bringen. Da werden alle 5 Strümpfe gebraucht, 3 auf dem Vorschiff und 2 auf der Flybridge. Ich muss laut juhu schreien als es seine ganze Segelfläche zeigt…schon ein mega Anblick. Da der Wind genau richtig steht und die passende Stärke hat, bleibt es auch über Nacht unser Drachen der uns mit bis zu 11 Knoten über das Wasser bringt.

 

Am nächsten Tag wird der Wind stärker und ändert seine Richtung. Da ist Schluss mit Drachenfliegen und in Teamarbeit verstauen wir es wieder in der Segelkammer. Jetzt geht es mit der bewährten Schmetterlingsbesegelung weiter Richtung Mindelo.

 

Sind wir bald da.

 

Wenn man mit Kindern im Auto auf längerer Strecke unterwegs ist gibt es die üblichen Fragen und Wortmeldungen. „Ich muss mal“ steht hoch im Kurs, „mir ist langweilig“ hört man auch öfter…aber am meisten melden sich die Kurzen sicher mit der Frage „sind wir bald da?“

Das mit dem müssen müssen ist bei 5 Toiletten an Board nicht unser Thema, obwohl meine seit gestern streikt und ich mit Martin zum Klempner mutiert bin. Irgendwie lustig, da ich doch wo ich von solchen Segelabenteuern geträumt habe, dass Handwerk des Sanitärinstallateurs wirklich erlernt hatte. Knapp 30 Jahre her…

 

Sorry, ich schweife in meine Klempnervergangenheit ab.  Langeweile kommt bisher auch nicht auf. Jeder ist durch seinen Halbtagsjob, 3 Stunden Tagwache und 2 Stunden Nachtwache, irgendwie beschäftigt. Den Feierabend gestalteten fast alle von uns mit kleinen Reperaturen, Körperpflege, lesen und viel schlaaaafen. Alle so eingebunden in ihren Alltagsleben, dass man merkt wenn der Körper runterfährt er mehr Ruhe und Entspannung braucht. Martin sagt, dass brauchte bisher bei jedem Gast auf der Samcat ein paar Tage bis sich das einpendelt.

Viel ist hier nicht los und da sind der fliegende Fisch heute Morgen, der Selbstmord auf dem Deck begannen hat, unzählige abgebissene Köder von unsere Angel und das auftauen unseres Proviants schon echte Highlights. Damit ist dann auch immer die Frage beantwortet was es zu Essen gibt.

 

Bleibt nur noch „sind wir bald da“? Um es kurz zu machen, nöö. Gerade jetzt am 08.11.2018-

17 Uhr Ortszeit haben wir noch 500 Seemeilen bis Mindelo vor uns. Das ist knapp die Hälfe die Strecke. Also nein, wir sind nicht bald da…aber zum Glück geht meine Toilette zur Zeit wieder.

 

Samcat, Samcat hören sie mich.

 

Es ist 1 Uhr Nachts und ich sitze in Unterhose verschlafen und verschreckt im Salon und starre auf den Plotter. Ich wurde von einem Knall geweckt und sitze jetzt etwas verängstigt

in der Dunkelheit. Martin kommt und fragt ob alle meine Luken zu sind. Sind sie und ich denke, wenn das die wichtigste Frage war bin ich ja schon beruhigter. Hast du deine Schwimmweste an wäre eine nicht so gute Frage gewesen.

 

Ein 18 Meter Segelschiff ist knapp 2 Seemeilen vor uns auf Radar aufgetaucht und ruft nun aufgeregt nach uns über Funk. Samcat, alles okay…sehen sie mich, hören sie mich. Also alles in Funkenglisch, beschreibt es Martin später. Ja, alles okay…wir haben eher ein wenig Respekt vor dem großen Tanker der auf uns zufährt. Martin ist ein sicherer Seemann und tut genau das richtige. Er ändert den Kurs, muss dafür die Motoren anwerfen und das nun gegen die Welle fahren verursacht diese Schläge auf das Schiff.

 

Also ich so auf den Plotter starre, wird mir klar warum ich dieses Abenteuer wollte. Genau wegen dieser Momente…sich lebendig fühlen, auch mal Angst haben. Klar werden jetzt einige sagen, da macht der sich schon wegen so einem Manöver in sein Höschen. Für mich ist es eine neue Erfahrung das Hochseesegeln. Nicht in der Nähe der Küste schön Schickimicki…nein, mitten auf dem Teich. Die Geräusche, die Schläge auf das Schiff, der starke Wind und meine Fresse diese für mich schon hohen Wellen von knapp 3 Meter. Das ist mein persönliches Abenteuer, mein verlassen der gemütlichen Komfortzone und ja, auch das Lebendige Gefühl der Angst. Ich gebe zu das ich durch die Unsicherheit diese vielen Situationen nicht einschätzen zu können, sehr viel Respekt und ab und an auch ein mulmiges Gefühl habe. Das war jetzt die Wahrheit und ich nehme es mit Humor. Dadurch das Martin eine solche Ruhe und Selbstverständlichkeit in diesen Situationen ausstrahlt ist alles gut für mich. Keine Hektik, kein Augenzucken…der Mann ist ein echter Seebär. Nachdem wir den Haken geschlagen haben, allem ausgewichen sind was so in unserem Radarfeld sich tummelte, schlafe ich ein und penne bis mein IPhone mich 5.45 Uhr zu meiner Wache weckt.

 

Wir sind im Speedmodus unterwegs. Machen im Durchschnitt knapp 9 Knoten und kommen dadurch echt voran. Ist zwar super unruhig und wackelig auf der SAMCAT, aber Speed ist alles. Seekrank wurde auch noch keiner, trotz der Schaukelei…coole Socken eben.

 

Land in Sicht.

 

Es ist Samstag und wir fahren immer noch mit richtig Speed. Plötzlich, aus dem nichts sehen wir einige Delphine die sich nach kurzer Zeit zu uns gesellen. Ein magischer Moment für uns alle als sie mit uns gemeinsam vorn am Bug mit den Wellen tanzen. Sie geleiten uns ein paar Minuten in Richtung Mindelo. Knapp 50 Seemeilen haben wir noch vor uns als wir den ersten Sundowner genießen. Campari O heute….echt lecker. Wir nehmen gleich noch einen zweiten.

 

Es ist so diesig und wir sehen erst knapp 10 Seemeilen vor uns endlich Land. Es Zeichnern sich die Berge einer Kapverdischen Insel ab. Juhu…wir haben es geschafft. 2 Stunden später, es ist schon dunkel,. Ankern wir in der Hafenbucht von Mindelo. Knapp 1000 Seemeilen und damit ein Drittel der Reise haben wir geschafft und nach dem Ankerbier fallen alle todmüde ins Bett.

               

               

               

               

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