Landratten

Es ist weit vom Schiff zum Strand, aber echte Matrosen schaffen das schon. Also los…Mark und ich schwimmen zum karibischen Traumstrand. Wir lassen uns im Sand fallen vor Anstrengung als wir endlich ankommen. Die Strömung zieht einen immer wieder aufs Meer und so mussten wir ganz schön kämpfen. Land unter den Füßen, dass ist so herrlich. Alles schwankt noch in mir als ich so am Strand liege, aber das ist nach knapp 3800 Kilometer auf See wohl normal.

Barbados ist recht exklusiv und so gönnen wir uns ein teures Ankerbierchen mit Salat. Wenn das hier so weitergeht muss ich meinen Bausparvertrag auflösen. Die haben Preise… mein lieber Herr Gesangsverein.

Zum „Glück“ gibt es ums Eck noch den Nikki Beachclub. Dekadenz in Form von kurbulenten und betrunkenen Menschen die in zu engen Badehosen & Bikinis mit Schaumweinflaschen im Pool tanzen. Also sie versuchen zu tanzen. Ein Kulturschock nach so langer Zeit auf See und irgendwie auch fremdschämen auf oberstem Niveau. Wir sehen auf der Strasse die Einheimischen mit ihren ärmlichen Verhältnissen und hier in dieser Nikki Oase tanzen alle nach den Klängen des DJ‘s sich die Bäuche sonnenbrandig. Wir brauchen ein Bier, dann müssen wir weg. Zu surreal diese Atmosphäre.

Wir sind mal wieder illegal eingereist und dürfen keinen Fuß ohne Einklarieren an Land setzten. Also erstmal schön zum Dinner mit dem Taxi in die nächste Stadt. Sorry, aber nach so langer Zeit wollen wir uns nicht an die Einreisebestimmungen halten. Am nächsten Tag lügt Skipper Martin beim bösen Onkel vom Einklarieren das sich seine Bürobalken biegen. Wir haben die ganze Zeit auf dem Schiff gewartet, klar. Waren wir an Land…nööö, natürlich nicht.

Gängster alle miteinander diese 5 Socken 😉

Am nächsten Tag frühstücken wir teuer und schlecht in der Yacht-Schickimicki Bar und dann gehts ab in die kleine Stadt zum einkaufen. Vorher Inka noch beim Frisör abgesetzt…Frauen eben und dann rein in die Shoppingmeile mit ca. 5 Geschäften. Karibikflair pur wie sie alle mit ihren Waren auf der Straße sitzen. Mark und ich ziehen los in die kleineren Geschäfte mit lokalen…ach so, darf ja die Überraschung noch nicht verraten. Wir haben für unsere Mädels was schönes gekauft. Die …..Verkäuferin hat alles auch selbst ….. und so machen wir mit ihr ein Selfie und schnappen unsere…. Schatz falls du das hier liest, ich bin mir sicher mein Geschenk gefällt dir.

Supermarkteinkauf und leckersten Smothie später lichten wir in Port Charles den Anker und setzten Segel Richtung Grenadienen. Geplant sind 16 Stunden Fahrt nach Union Island und damit mal wieder Nachtfahrt mit der Samcat. Alles eingespielt bei der Crew und kein Problem. Morgen Mittag wollen wir ankommen im Karibikparadies.

 

Hinter den 7 Bergen

Wir erreichen Union Island nach einer entspannten Nachtfahrt und einem interessanten Vormittag. So viele kleine Inseln mit Bergen, besser gesagt die Inseln bestehen auch nur aus einem kleinen Berg. Sie ragen aus dem Meer und sehen aus wie kleine Hüte. Als wir in dem kleinen Hafen einlaufen kommen uns schon kleine Boote entgegen. I can help you…hören wir es von freundlichen Einzelunternehmern die ihre Dienste & Waren anbieten. Einer hilft uns festzumachen und weil seine Schwester schließlich das beste Bannanenbrot der Insel bäckt, kaufen wir gleich eins. Lecker und überteuert…als ich so vor mich hin kaue denke ich noch einmal an die Auflösung des Bausparvertrag. Der Chef geht einklarieren und trifft einen Skipper wieder den er auf Barbados kennengelernt hat. Bagga, 59 Jahre 10 Kinder…colle Socke. Wir trinken in der Hafenbar ein Ankerbier und ziehen dann weiter zu der Fisch & Chips Bude seiner Frau. Alle grüßen ihn und man merkt der Mann ist hier zu Hause. Hat viele wertvolle Tipps für uns und ist ein toller Kontakt für die kommenden Monate die Martin hier in der Karibik bleibt.

 

Von Bagga ist auch die Dinner Empfehlung. Genau so habe ich mir die Karibik vorgestellt. Ein kleines Beachrestaurant, einsam an einem Traumstrand gelegen und von Palmen umsäumt. Wir genießen die Cocktails mit den Füßen im Sand und danach ein so leckeres Abendessen wie seit langem nicht mehr. Geräucherter Marlin (Schwertfisch) als Vorspeise… war so toll das ich es am nächsten Tag zum Lunch gleich noch einmal bestellt habe. Der Chef von dem Laden zeigt uns noch einen mega Schwertfisch den sein Sohn gerade gefangen hat. Ein Monster von knapp 200 Kilo und sicher mit Schwert an die 3 Meter groß…diesmal übertreibe ich nicht.

Zum Abschluss gab es einen Absacker und meine „Angekommen-Zigarre“ die ich mir für einen schönen Anlass aufgehoben habe. Martin spielt auf der Samcat noch etwas Saxophone und so klingt der Abend entspannt aus.

Big Mama & der Baggaclan

Bagga, unseren neuen karibischen Freund kennen hier echt alle. So hat er auch eine Empfehlung für das Lobster BBQ auf den Tobago Cays. Das sind vorgelagerte Inseln und ein karibischer Naturtraum. Wir 5 Socken wechseln von der Samcat auf ein Schnellboot das uns da rüber fährt. Der Wind und die Wellen peitschen und die Haare liegen…naja, so halbwegs.

 

Big Mama heißt die Baggaempfehlung und wir dachten nur, ach lustiger Name. Als wir SIE dann sahen wußten wir das es nicht nur ein Name ist. Wow, lange nicht mehr soooo viel Frau gesehen. Lecker ist es und die Insel ist ein Traum. Ich male was in den Sand und mache ein Foto für meine Liebste. Eine kleine sehr individuelle Erinnerung finde ich auch noch am Strand. Eine versteinerte Muschel die so verdreht ist, dass es von oben betrachtet wie das Zeichen für Unendlichkeit aussieht. Jetzt bin ich knapp 4 Wochen unterwegs und habe Sehnsucht und werde sentimental. Das Ding muss mit in den Rucksack und bekommt zu Hause einen Ehrenplatz.

Auf dieser Insel gibt es keine „Regierung“ und keine Polizei. Niemand kümmert sich um die Geschäfte hier…so Bagga. Die Insel, nur ein paar Seemeilen entfernt ist eine Schmugglerinsel und der Diesel ist durch fehlende Steuern viel günstiger. Also tanken wir mit unserem 33 Tonnen Einfamilienhaus an einem Holzsteg der so ein großes Schiff noch nicht gehalten hat. Bei richtig Wind keine leichte Aufgabe für uns anzulegen. Geht aber alles gut, wir sind ja langsam richtige Profis und danach geht es noch weiter zu einer Privatinsel. Ist ein Hotel-Resort, aber Schiffsmatrosen die vor Anker gehen dürfen an Land. Bagga kennt eh wieder alle und so sind wir in diesem Paradies willkommen zum Lunch.

Es schüttet wie aus Eimern kurz nachdem wir am Steg auf Union Island wieder angelegt haben. Ich nutze das gleich mal um einen Punkt auf der Bucketlist abzuhaken. Nackt im Regen tanzen. Ja gut, dass Badehöschen hatte ich noch an. Abends ging es noch zur angesagten Karaoke Show, wo außer der Veranstalter nur noch ein Teilnehmer am Start war. Es ist noch keine Saison in der Karibik und hier auf Union ist eh nicht so viel los mit Touristen. Die leckerste Pina Colada meines Lebens gab es in dem Laden. Die lachten zwar alle ein bisschen beim bestellen, weil es sonst ein absolutes Frauengetränk ist. Egal…Prost.

 

Tschüssikowski Mark

Die coole Socke Mark verlässt uns heute schon. Eine Woche früher als geplant muss er wegen einem superduper wichtigen Businesstermin nach Hause. Er fliegt mit so einem kleinen Inselhopper von Union nach Barbados und dann weiter nach Frankfurt. Werden ihn alle vermissen unseren Milimeterfi..er. Sagt er selbst von sich also alles gut, nicht aufregen beim lesen.

Martin hat sich irgendetwas eingefangen und liegt krank in seiner Skipperkabine. Kommt oben und unten raus wenn ihr versteht was ich meine. So können wir nicht weiterfahren und da machen wir uns noch einen lustigen Abend in dem Restaurant gleich gegenüber des Stegs. Martin vergnügt sich derweil mit Zwieback und wir hoffen alle das es ihm morgen besser geht.

 

Leinen los – Leinen dran

Es geht besser und wie. Martin ist wieder ganz der Alte und so machen wir die Leinen los und segeln Richtung St. Lucia.

Da wir nah an der Küste segeln erleben wir tolle Insellandschaften. In einer ganz kleinen Bucht  von St.Vincent, die aussieht wie in einem Fantasyfilm wollen wir übernachten. Joseph The Rastaman kommt angefahren und hilft uns mit den Landleinen die wir spannen müssen. An Palmen fest gemacht hält die Samcat hoffentlich sicher über Nacht. Ich kaufe von einem freundlichen Einzelunternehmer der in seinem kleinen Boot zur Verstärkung seinen 4 Jährigen Sohn dabei hat, eine Kette mit einem Walzahn. Man muss die lokale Wirtschaft ja unterstützen wo man kann. Nach einem Bier in einer Bretterbude am Strand, lassen wir den Abend bei Essen und Wein an Bord ausklingen.

 

Heute gehts die letzte Etappe nach St. Lucia und wir freuen uns schon auf den sagenumwobenen Hafen und die Rodney Bay. Ein paar Stunden später sind wir auch schon da. Müssen noch etwas warten weil unsere Online gebuchte Hafenplatzreservierung erstmal gesucht wird. Wir legen an und nach dem schnellen obligatorischen Ankerbier macht sich Martin auf zum Einklarieren. Hier wollen wir 5 Gangster mal lieber alles richtig machen und nicht illegal einreisen.

Ich komme aus dem Hafen nicht groß raus, was nicht schlimm ist denn hier gibt es ja alles. Außerdem regnet es den ganzen Tag in Strömen. Es gibt ein paar Unterbrechungen…aber eigentlich schifft (Achtung Wortspiel) es die beiden Tage wo wir hier sind. Regen nennt Bagga „Liquid Sunshine“ und das macht es schon einfacher dieses grau zu ertragen. Wenigstens müssen wir die Samcat nicht vom Salzwasser beim nächsten Haushaltstag befreien. Das erledigt alles der flüssige Sonnenschein.

In diesem Hafen trifft sich die Seglerwelt. So viele Schiffe, so viele Abenteurer und so beeindruckende Geschichten die hinter diesen ganzen Weltenbummlern stecken. Ein paar Storys hören wir und sind beeindruckt was manche so bei ihrer Atlantiküberquerung erlebt haben. Ich gönne mir gemeinsam mit Martin 2 ein paar leckere Mango Mojitos und so kommen wir gut angetrunken ins plaudern. Schon toll wie viel Tiefe und Offenheit man erreicht, wenn man so ein Abenteuer gemeinsam meistert. Das verbindet und schafft Vertrauen.

Aus und vorbei

Die 23 Seemeilen nach Martinique waren ein Klaks und ich war auf der Fahrt etwas wehmütig. Die letzte Etappe mit der Samcat für mich. Ein letztes mal Segel setzen, Ankern…alles klar machen zum einklarieren. Eine wahnsinnig tolle Segelzeit geht zu Ende. Knapp 3.200 Seemeilen und damit fast 6.000 Kilometer bin ich mit der Samcat unterwegs. Mit im Durchschnitt ca. 14 km/h eine ganz andere Art des Reisens. Hat gut getan so entschleunigt unterwegs zu sein. Werde viel mitnehmen können für mich und die kommenden Monate.

Wir sind jetzt wieder in Europa und unsere Handy glühen. Ohne Roaming- und Zusatzgebühren kann man mal richtig exzessiv surfen, WhatsAppen und die Sozialen Medien füttern. Was auch weg ist, zumindest für mich ist das Karibikflair. Nur noch Franzosen überall und ganz wenig Einheimische. Das hier ist klein Frankreich und hat außer dem Wetter und den Stränden nicht so viel mit der Karibik zu tun die wir die letzten Tage erlebt haben. Leider fahren wir bei der ersten Nachtfahrt zurück vom Restaurant über ein Riff und die Welle des Dingis verbiegt sich. Mist…so weit gekommen und nix groß kaputt gegangen und dann das. Da liegen wir im Zielhafen und verursachen einen Schaden von knapp 1.000 Euro. Gut das Martin ein so positiver Mensch ist und es leicht sieht. Ich brauche das Ding übermorgen auch, ich hole einen speziellen Gast im Hafen ab…

Wir mieten uns am nächsten Tag einen Elektroroller und erkunden etwas die Umgebung. Wir zünden Kerzen in einer Kirche an, gehen auf einen kleinen Markt Souvenirs kaufen und essen lecker in einer Strandbude. Ein wirklich schöner Tag mit Inka und Martin 2.

 

Paps und die Samcat Musikanten

Es gibt so Situationen…da bin selbst ich sehr still. Als mein Vater mir per WhatsApp vor ein paar Tagen mitteilte, er kommt wegen mir spontan in die Karibik geflogen und verbindet das mit ein paar Tagen Urlaub war so eine Situation. Meine Eltern sind seit Hundert Jahren geschieden und ein paar Jahre meiner Kindheit und Jugend hatten wir keinen Kontakt. In den letzten Jahren wurde es intensiver, aber das er extra hierher kommt…wow, dass macht mich schon stolz.

Er wollte eigentlich unseren Einlauf nach der großen Tour auf Barbados mitbekommen. Tja, da wir die Speedtruppe sind wurde das nix und da hat er es sich seit ein paar Tagen trotzdem auf Barbados nett gemacht und kommt heute nach Martinique auf die Samcat für eine Nacht. Dieser knapp 69 Jährige Spontanurlauber 😉

Wir liegen uns in den Arenen als ich ihn mit dem Dingi im Hafen abhole. Begrüßung & Besichtigung auf der Samcat gehen flott und schon sitzen alle beim Frühstück. Französisches Baguette schmeckt soooo viel besser als aufgetautes Toastbrot und wir hauen rein. Danach gehts für Paps, Inka, Martin 2 und mich zur Elektrobuggi-Station wo wir 2 der Trabis gestern vorbestellt hatten. Wir besteigen einen Berg (sehr anstrengend bei karibischer Mittagshitze) und genießen das Strandleben am Nachmittag. Lustig mit den Elektrospeedis über Martinique zu düsen und insgesamt haben wir 4 Socken eine gute Zeit. Am Abend gibt es noch ein schlechtes aber dafür teures Restaurantessen im Hafen und dann folgt ein Highlight des Tages. Martin und Paps machen nach einer anregenden Diskussionsrunde richtig gut Musik. Martin mit seinem gefühlvollen Saxophonspiel und Paps mit Gitarre und Gesang. Über den Tag verteilt waren es ein paar Bier, Gin/Tonic und 8 Flaschen Rotwein…wovon 5 allein an diesem Musikabend geschlabbert wurden. Hey war das lustig und ein gelungener Abschiedsabend von der Samcat.

Heute ist der 08.Dezember und Martin 2, Paps und ich verlassen unsere Heimat der letzten Wochen. Inka bleibt noch bis zum 16.Dezember an Bord und so gibt es einen herzlichen Abschied von allen Socken…

Ich fliege mit meinem Vater nach Barbados wo ich noch ein paar Tage im Hotel ausspanne und dann gehts von dort aus nach Hause. Martin 2 fliegt direkt nach Frankfurt und taucht wieder ins Alltagsleben ein.

 

Alles auf Anfang

Ich sitze im Flieger nach Frankfurt und lasse die letzten Wochen Revue passieren. Ich gönne mir noch ein Upgrade in die Business Class und bekomme als erstes ein Glas guten Schaumwein. Prost Sven, Prost Abenteurer und Prost liebe coole Socken. Was für ein Ritt, was für eine Reise… Nach meinen entspannenden Tagen noch mit Paps auf Barbados, ist mir hier klar was eigentlich alles passiert ist in den letzten knapp 6 Wochen. Ich bin extrem dankbar für die Zeit auf der Samcat und vor allem mit diesem geilen Team. Mit niemand anderen als meinen Skipper Martin hätte ich mich das getraut und wäre über den Atlantik gesegelt. Vor allem die Klarheit, die ich durch die viele Zeit die ich mich mit mir selbst beschäftigt habe, ist sehr wertvoll für mich. Was will ich und was will ich nicht, könnte ich jetzt sofort beantworten. Das ist neben den vielen kleinen Grenzerfahrungen meine Essenz der Reise, mein Mitbringsel dieses Abenteuers. Nachhaltige Klarheit für mein WARUM. Mehr hätte ich nicht erwarten können und das hat mich neben der Bräune auf meiner Haut auch äußerlich verändert. Ich strahle mehr…bin ruhiger und gelassener. Hoffe das hält nun etwas auch im Alltag an und ich schaffe es, mich in die Zeit auf der Samcat hinein zu fühlen wenn es mal nötig ist.

Der kleine Monitor zeigt die Route und Geschwindigkeit unseres Fluges. Ich fliege hier, in einem Liegesitz zum Bett umgebaut, mit 977 Km/h über den Atlantik. Das sind 527 Knoten und damit geht es bis zu 100 mal so schnell zurück wie auf der Hinreise. Das ist auch gut so… Zu Hause wartet das Liebste und Wichtigste in meinem Leben. Mein 4 jähriger Kumpel und die Frau die mir die Freiheit gibt solche Abenteuer zu erleben. Für die beiden, meine Familie ist dieses Logbuch…

Alles Gute für euch da draussen,
Ahoi Matrose Sven Umlauf

 

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